Es ist also mal wieder November - der Monat des Jahres, wo sich tausende Männern auf der Welt dazu entschließen, sich 30 Tage lang nicht zu rasieren. Warum? Nun ja, einmal wäre da diese Kampagne (klick) aus Australien, die dafür sorgen will, dass sich Menschen, oder besser gesagt Männer, mehr mit Prostatakrebs auseinander setzen und sich vor allem überhaupt erstmal dieser Krankheit bewusst werden. Hinter dieser Kampagne steht, dass Männer einen Monat lang ihre Haare natürlich wachsen lassen sollen, weil man genau diese unter Krebstherapien schließlich häufig verliert. Wer möchte, kann das Ganze dann noch weiter unterstützen, in dem er jegliches Geld, das er durch's Nicht-Rasieren einspart, der Organisation spendet, damit diese wiederum bei der Krebsforschung etc. aktiv werden kann. Im Großen und Ganzen ist das also ein bisschen so wie Oktober als Brustkrebsmonat, nur dass man bei dem halt rosa Bändchen trägt und lauthalts "Save the boobies" ruft. (Aber zu diesem schrecklichen Spruch werd ich sicher irgendwann nochmal einen anderen Post schreiben). Klingt eigentlich nach 'ner super Sache, findet ihr nicht? Also ich finde das schon irgendwie, aber eben auch nur irgendwie.
Grundsätzlich finde ich es natürlich gut, dass über das Thema offener gesprochen wird, wir haben mittlerweile ja auch häufig Werbung zu Prostatakrebs im deutschen Fernsehprogramm und es steht ganz außer Frage, dass ich das natürlich gut heiße. Krebs ist schrecklich, egal wen es betrifft und wo es diese Person trifft, und ich bin sehr dafür, dass Krebs so gut vorgebeugt und schnellsmöglichst behandelt wird, wie nur irgendmöglich.
Andererseits hab ich dennoch ein Problem mit dieser ganzen Aktion. Zum einen finde ich es generell schonmal doof, dass es bei der Sache vor allem ums Bart wachsen lassen geht, weil das ja schließlich männlich ist und Prostatakrebs betrifft nun mal Männer. Natürlich, kann man sich auch alle anderen Haare wachsen lassen, dennoch steht der Bart im Vordergrund. Schade dabei finde ich, dass diese ganze Bartwachsenlasserei bei vielen Jungs und Männern schonmal gar nicht richtig klappt, weil sie einfach keinen Bart haben. Ich kenne genug Männer, die sich grundsätzlich nicht rasieren, weils einfach nichts zu rasieren gibt. Sind sie deswegen jetzt weniger männlich und können auch weniger Prostatakrebs kriegen? Irgendwie nicht. Und irgendwie können sie ja deswegen auch gar nicht richtig an der Aktion teilnehmen, außer man sagt natürlich, sie nehmen das ganze Jahr über teil. Ich will mit dem ganzen Absatz eigentlich darauf hinaus, dass ich es Schade finde, dass diese Aktion mit einer so limitierten Auffasung von Männlichkeit einhergeht, obwohl sie doch eigentlich für alle Betroffenen und im Risiko Stehenden da sein soll, a.k.a. alle Männer, nicht nur diejenigen, die einen Bart haben (können).
Zum anderen ist es leider so, dass die meisten Jungs und Männer sich im November nicht rasieren, weil sie vom 'No-Shave November' gehört haben, und zwar nur vom Namen, nicht etwa der Aktion dahinter. Viele machen's also einfach nur deswegen, weil sie mal einen Monat was Neues ausprobieren wollen oder faul sein wollen oder was auch immer. Und das ist ja auch vollkommen ok. Was dagegen nicht ok ist, ist der riesige Sexismus, der damit einhergeht, und die gut gemeinte Aktion leider ziemlich überschattet. Ich rede von Sprüchen, wie "Bitte mach nicht mit, wenn du eine Frau bist, das Ganze ist nur für Männer." oder "Bitte Ladies, rasiert euch weiter. Haare bei Frauen sind unhygienisch." oder "Haare bei Männern sind halt natürlich aber bei Frauen.. nee, da ist das voll eklig." oder "Wenn eine Frau bei No-Shave November mitmacht, muss sie sich nicht wundern, wenn dann der No-Dick December folgt". (Wer mir nicht glaubt, kann ja einfach mal bei Tumblr oder Twitter nach No-Shave November suchen. Ihr werdet schneller fündig, als euch lieb ist.)
Aha. Ich fasse nochmal zusammen: Haare bei Männern = männlich und natürlich; Haare bei Frauen = eklig, unhygenisch und vor allem UNnatürlich. Da stellt sich mir doch die Frage, warum Frauen Haare haben, wenn diese doch so unnatürlich sind. Und unhygienisch? Wieso sind Haare denn jetzt bei Frauen unhygenisch und bei Männern nicht? Was ist denn in unseren Haaren drinne, dass sie im Gegensatz zu Männerhaaren unhygienisch sind? Und wenn unsere Haare so unnatürlich und unhygienisch sind, warum dürfen (und sollen) wir eigentlich lange Kopfhaare haben? Sollten wir die dann nicht besser auch abrasieren? Und warum.. Warum sollen wir das alles überhaupt für irgendwen machen? Kann mir das mal einer erklären? Warum bin ich als Frau, dazu verpflichtet mich zu raiseren, nur weil andere das wollen? Nur damit ich andere zufrieden stelle und für andere hübsch anzusehen bin, und die sich nicht vor mir ekeln müssen? Und vorallem, nur damit ein Mann so nett ist, mit mir Sex zu haben? Ich hab ja eben gelernt, dass scheinbar alle Männer so limitiert sind, dass sie keinen Sex mit mit Frauen haben wollen, wenn diese nicht rasiert sind. Das müssen ja echt nette Männer sein.
Ganz erhlich: Es ist nicht meine Aufgabe als Frau, anderen zu gefallen. Wenn ich mich rasiere, dann mach ich das für mich, zum Beispiel, weil ich finde, dass es hübsch aussieht oder sich super toll anfühlt, aber doch nicht für wen anders. Vor allem nicht für Leute, die mir nicht mal nahe stehen, die ich nicht mal kenne. Warum dürfen Männer sich rasieren wie und wann und wo sie wollen aber Frauen nicht? Das ist doch alles irgendwie ne riesen große Doppelmoral, die kräftig bis zum Himmel stinkt. Und als wäre das nicht schon genug, haben wir jetzt auch noch einen ganzen Monat, der für viele nur dafür da ist, dass Männer ihre Haar-Freiheit feiern und gleichzeitig Frauen beschämen, die ebenfalls diese Wahl ausnutzen wollen. Die mit ihrem eigenen Körper machen, was sie eben wollen.
Warum können wir nicht einfach das ganze Jahr über sagen: "Menschen, die sich rasieren = cool; Menschen, die sich nicht rasieren = auch cool"? Vielleicht könnten wir uns dann auch noch ein bisschen besser für jegliche Krebsfür- und vorsorge einsetzen oder genrell für Krankheiten. Noch besser fände ich übrigens: "Menschen, die sich rasieren = geht mich nix an; Menschen, die sich nicht rasieren = jo, geht mich auch nix an". Im Endeffekt geht der Körper einer Person, sowieso immer nur sie selbst was an und niemanden sonst. Und das gilt nicht nur für Körperbehaarung, sondern auch zum Beispiel Fitness, Dick- oder Dünnsein, Tattoos, Piercings, Kleidung. Der Körper einer anderen Person geht niemanden außer ihr selbst was an, und keiner sonst hat das Recht dazu, irgendetwas zu dem Körper einer anderen Person zu sagen. Schon gar nicht ihr vorzuschreiben, was sie mit ihrem Körper zu tun hat.
Seht ihr das genauso oder nicht? Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren, eure Erfahrungen zu diesem Thema schreiben würdet.
Bis dahin Herzensgrüße